Blockchain in der vernetzten Farbrik – eine gute Idee?

Die Blockchain wird seit einiger Zeit als eine Art Allheilmittel für alle Arten von Transaktionen beworben, bei denen ein klassischer Vermittler oder traditionelle Datenbanken mehr Kosten als Nutzen verursachen. Mit der Blockchain soll es möglich sein, das nötige Mindestmaß an Vertrauen zwischen Akteuren, die sich nicht kennen, technologisch herzustellen. Davon soll auch die vernetzte Fabrik profitieren. 

Beispielhaft dafür ist der Beitrag Blockchain in the Factory of the Future. In dem Artikel werden einige Anwendungsfälle beschrieben, bei dem die Blockchain als Single Version of Truth bzw. Quelle der Wahrheit fungiert. So hat Honeywell einen Onlinemarktplatz namens GoDirect Trade errichtet, auf dem die Qualität von Flugzugteilen mit einer Blockchain dokumentiert wird[1]An aerospace parts marketplace flies high with blockchain. Nach Aussage der General Managerin von GoDirect Trade, Lisa Butters, hätte die Inventarisierung von Teilen im Wert von 1 Milliarde Dollar auf eine andere als die vollständig digitale Weise  2.916 Stunden oder 365 Arbeitstage in Anspruch genommen,  Butter sagt. “Eine Milliarde Dollar an Inventar entspricht ungefähr 25.000 Listen, und jede Liste hätte mindestens sieben Minuten an Zeit für die Bearbeitung von Qualitätspapieren benötigt”, schreibt sie. “Das sind über 2.916 Stunden, die wir mit dem lächerlichen manuellen Prozess des Herunterladens und erneuten Hochladens von Qualitätspapierkram verbracht hätten.”

Mit dem neuen Blockchain-Ledger verfügt GoDirect Trade nun über die nötigen Werkzeuge, um Teile mit Bildern, Spezifikationen, Produktbeschreibungen, Zertifizierungen und benötigtem Papierkram für etwa 25.000 Teile sofort aufzulisten. Ohne den erforderlichen Papierkram sei die Auflistung von überholten Luft- und Raumfahrtteilen ein sehr teurer Prozess.

Über die Verbesserung des Dokumentenmanagements hinaus kann die Blockchain sowohl beim Bezug von Maschinenleistungen (as a Service) wie auch in der vorausschauenden Wartung zum Zuge kommen. Hierfür werden Smart Contracts (Intelligente Verträge) eingesetzt, die beim Eintreffen zuvor festgelegter Ereignisse, automatisch Vorgänge, wie das Bezahlen von Teilen, anstoßen. Großes Potenzial besteht nach Aussage der Autoren im Bereich der Additiven Fertigung. Heute sind Hersteller in der Regel auf einen Vermittler (eine sogenannte 3D-Druckplattform) angewiesen, um die beste Druckerei oder das beste Dienstleistungsunternehmen für die Herstellung eines Teils zu identifizieren. Eine automatisierte Blockchain-Ausschreibungsplattform, die Smart Contracts verwendet, mache die Unterstützung durch 3D-Druckplattformen überflüssig. Der Kunde kann dann auf einer einzigen IT-Plattform sowohl den Fortschritt wie auch jede Abweichung vom geplanten Plan überwachen. Diese interoperable, Blockchain-basierte Plattform ist unabhängig von der gewählten Druckerei oder dem Dienstleister und reduziert so Kosten und den Bedarf an mehreren Datenbanken. Ferner können an AM-Maschinen angebrachte Sensoren Wartungsanfragen auslösen, wobei Smart Contracts auf der Blockchain die Erfüllung und Bezahlung der Arbeiten steuern.

Einordnung

Die Anwendungsfälle, bei denen der Einsatz einer Blockchain für die Unternehmen ökonomisch und strategisch Sinn ergibt, sind nach wie vor rar gesät. Wenn, dann handelt es sich um Lösungen, die als Quelle der Wahrheit agieren und dabei ohne Smart Contracts auskommen; also Fälle, in denen die manipluations- und rechtssichere Dokumentation im Vordergrund steht[2]Das Beispiel GoDirect Trade von Honeywell ist keinesfalls so trivial, wie es auf den ersten Blick evtl. scheinen mag. Honeywell selbst schreibt dazu: “Zunächst wird die … Continue reading. Sobald die Teilnahme an einer Blockchain-basierten Lösung bei den Partnern hohe Investitionen und Umstellungen erfordert, ist ihre Erfolgsaussicht begrenzt. Noch brenzliger wird es, wenn ein Großteil der Transaktionen über Smart Contracts abgewickelt wird. Sobald sich ein Fehler einschleicht, kann das enorme Kettenreaktionen zur Folge haben, ganz abgesehen davon, dass die Verträge manipuliert werden können.

Denn: Blockchain-Lösungen sind keineswegs so sicher, wie vielfach kolportiert wird. Manipulationen am Programmcode, aber auch Programmierfehler in Smart Contracts können daher großen Schaden anrichten. Ein weiteres Sicherheitsrisiko sind die Daten (Lieferdaten, Bestelldaten, Produktdaten, Bezahldaten, Geo-Daten), die von außen durch sog. Oracles in die Smart Contracts einfließen. Sind die Daten gefälscht oder schlicht fehlerhaft, ist der gesamte Prozess kompromittiert. Greifen nicht autorisierte Personen oder Geräte mittels gefälschter Identitäten auf die Blockchain zu, ist der Schaden unabsehbar.

Insofern empfiehlt sich ein Vorgehen in kleinen, wohlüberlegten Schritten und mit unspektakulären Anwendungsfällen, wie der Plattentausch[3]Was kann Blockchain wirklich? Ergebnisse aus dem Pilotprojekt „Palettentausch mit Blockchain-Technologie“ .

References

References
1 An aerospace parts marketplace flies high with blockchain
2 Das Beispiel GoDirect Trade von Honeywell ist keinesfalls so trivial, wie es auf den ersten Blick evtl. scheinen mag. Honeywell selbst schreibt dazu: “Zunächst wird die “unhackbare” 2D-Datenmatrix von iTRACE per Laser auf das Typenschild geätzt. Anschließend wird eine von Honeywell Performance Materials and Technology (PMT) und SecureMarking bereitgestellte Hochsicherheitstinte auf die Ätzung aufgetragen, die jedoch für das bloße Auge unsichtbar ist. Als Nächstes scannt eine mobile App die 2D-Matrix und aktiviert den digitalen Echtheitsdatensatz für das Teil und speichert diese Daten zusammen mit den Geburtsdaten des Teils in Honeywells sicherem, digitalen Blockchain-Ledger. Ähnlich wie die Fälschungssicherheitstechnologie der US-Notenbank auf dem Hundert-Dollar-Schein folgt die Zwei-Faktor-Authentifizierung dem Teil, sobald es seine Reise fortsetzt (von der Geburt über die Installation im Flugzeug bis hin zur Reparatur im Nachrüstungsmarkt und zum Tod). Die 2D-Matrix kann über eine mobile App gescannt werden, um die Echtheit zu bestätigen, und ein spezielles Licht mit der richtigen Frequenz kann die hochkonvertierenden Partikel aktivieren, die die “Zaubertinte” für das bloße Auge oder für eine spezielle Kamera sichtbar machen“. Mit anderen Worten: In die Lösung sind u.a. Honeywell-Technologien eingeflossen, die bereits vorhanden waren, d.h. sie mussten nicht erst noch entwickelt oder von außen bezogen werden, was die Einführung der privaten Blockchain wesentlich erleichtert haben dürfte. Günstig dürfte sich auch die Tatsache ausgewirkt haben, dass es sich bei Honeywell um einen Technologiekonzern handelt, für den die Integration neuer Technologien zum Alltag gehört
3 Was kann Blockchain wirklich? Ergebnisse aus dem Pilotprojekt „Palettentausch mit Blockchain-Technologie“
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