“Mehrwert für Autowerkstätten und Kunden durch Bündelung und gemeinsame Nutzung unternehmensübergreifender Daten”

In dem Projekt Autowerkstatt 4.0 (AW 4.0) sollen freie Autowerkstätten, Messsystemanbieter und IT-Dienstleister über das Ökosystem Gaia-X zu einem Innovations- und Wertschöpfungsnetzwerk verknüpft werden. Im Interview erläutert Hauke Timmermann, Referent Digitale Geschäftsmodelle bei eco – Verband der Internetwirtschaft e.V., die Vorteile, die sich für die teilnehmenden Unternehmen ergeben. 

  • Herr Timmermann, was genau ist bzw. macht Autowerkstatt 4.0 und welche Rolle haben Sie in dem Projekt?

Hauke Timmermann, Referent Digitale Geschäftsmodelle bei eco – Verband der Internetwirtschaft e.V.

Autowerkstatt 4.0 (AW 4.0) ist ein Förderprojekt, das sich im Wettbewerb „Innovative und praxisnahe Anwendungen und Datenräume im digitalen Ökosystem Gaia-X“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) durchgesetzt hat. Das mit 7,5  Millionen Euro geförderte Projekt hat sich die Vernetzung und Digitalisierung von klein und mittelständischen Unternehmen (KMU) auf die Fahnen geschrieben. Werkstätten, Messsystemanbieter und IT-Dienstleister sollen dabei über das Ökosystem Gaia-X zu einem Innovations- und Wertschöpfungsnetzwerk verknüpft werden, sodass branchenspezifische Daten und KI-Modelle sicher und vertrauenswürdig ausgetauscht werden können. Als konkrete Anwendung wird im Rahmen des Vorhabens die zielgerichtete Fehlersuche im Kfz mit Hilfe von Oszilloskopen[1]Ein Oszilloskop ist ein elektronisches Messgerät, das in seiner bevorzugten Anwendung für eine oder mehrere elektrische Spannungen deren zeitlichen Verlauf auf einem Bildschirm sichtbar … Continue reading[2]Vgl. dazu: „Logische Diagnose“ mittels Oszilloskop vereinfacht.

Während die LMIS AG das Projekt als Konsortialführer betreut, übernehmen sieben andere Konsortialpartner wie die Auto-Intern GmbH, DEKRA DIGITAL, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, die Hochschule Osnabrück und die Technische Hochschule Georg Agricola, die Vergölst GmbH und wir als eco – Verband der Internetwirtschaft e.V. im Projekt verschiedene Aufgaben. Unser Job besteht darin, die Brücke und Anbindung zum europäischen Datenökosystem Gaia-X und dessen „Federation Services“ gemeinsam mit verschiedenen europäischen Partnern in die Praxis umzusetzen und das Projekt in die Öffentlichkeit zu tragen. Als größter Internetverband Europas verfügt eco über ein enormes Netzwerk von Mitgliedern, eine gute Vernetzung mit Entscheidern und die Erfahrung mit Forschungsprojekten.

  • Welche Zielgruppen adressiert Autowerkstatt 4.0? 

Wir richten uns an Werkstätten, IT-Dienstleister und Messsystemanbieter. Für die mehr als 5.000 in das Projekt eingebundenen Freien Werkstätten bietet AW 4.0 die Chance, sich den Herausforderungen der Digitalisierung, Elektromobilität, Nachhaltigkeit und Fachkräftesicherung zu stellen und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Mit einer differenzierten Fehlerdiagnose müssen weniger Teile auf Verdacht ausgetauscht werden. Diese Effizienz spart personelle und technische Ressourcen – ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht für Werkstattinhaber sinnvoll. Nicht zu vergessen: Weniger Reklamationen und individuellere Wartungs- und Instandhaltungsservices für Kunden schaffen eine bessere Bindung.

Langfristig kann der Werkstattbesitzer seine Bauteile-Lieferkette wesentlich schlanker und Ressourcen-schonender gestalten. Auch verkürzen sich die Wartezeiten bei Reparaturen, sodass die Werkstattauslastung mit neuen Aufträgen wesentlich schneller erfolgen kann und mehr Umsatz generiert wird. Zusätzliche Einkünfte lassen sich auch als Datenlieferant erzielen. IT-Dienstleister erhalten bei AW 4.0 die Möglichkeit, sich als renommierter KI-Anbieter präsentieren zu können. Ihnen stehen die validen Trainingsdaten der großen Zahl von freien Werkstätten bereit, um KI-Prozesse, -Services und -Modelle mitgestalten und letztlich davon profitieren zu können. Für Mess- und Diagnosesystemhersteller ist der Einzug software-dominierter Fahrzeuge mit Sensoriken und Fahrassistenten sowie der Ausbau von Datennetzwerken schon lange ein zentrales Thema. Die KI-gestützte Fehlerdiagnose, wie sie bei AW 4.0 entwickelt wird, eröffnet den Anbietern die Chance, ihr Portfolio auf eine Zukunftstechnologie auszurichten.

  • Worin besteht der zusätzliche Nutzen gegenüber den herkömmlichen Diagnoseverfahren?

Die Fehlerdiagnose in Fahrzeugen findet derzeit meist noch über proprietäre Diagnosesysteme mittels der On-Board-Diagnose-Schnittstelle (OBD) statt. Fehlercodes, sogenannte Diagnostic Trouble Codes (DTC), verweisen allerdings nicht auf die Ursache eines Fehlers, sondern lediglich auf die vom System empfohlenen Teile zum Austausch. AW 4.0 möchte mittels Oszilloskope erfasster Daten im Motorraum differenziertere Diagnosen realisieren, unnötige Reparaturen vermeiden und damit Ressourcen im Sinne einer nachhaltigen Wartung schonen. Das datenbasierte Diagnosesystem soll auch für ältere Fahrzeuge bereitstehen und einfach in den Arbeitsalltag von Kfz-Werkstätten zu integrieren sein. Darüber hinaus kann die Plattformtechnologie in weiteren Bereichen wie der Überwachung von Industrieanlagen oder Elektroantrieben übertragen werden.

Das Auslesen eines Fehlerspeichers unterliegt den Grundsätzen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und schützt die erhobenen Daten vor Zugriffen Dritter.

  • Inwieweit kommt GAIA-X in dem Projekt zum Tragen?

Autowerkstatt 4.0 ist einer von insgesamt 16 Use Cases, die Gaia-X-konform von der Industrie entwickelt werden. Insofern werden verschiedene Gaia-X Prinzipien im Projekt berücksichtigt. Die Datenerhebung, -verwendung, -nutzung und -analyse entspricht beispielsweise bestimmten Datenstandards und Werten wie der Interoperabilität und der Interkonnektivität. Dadurch soll die Datenplattform nach dem erfolgreichen Roll-out in Deutschland auch für europäische Autowerkstätten nutzbar sein.

Gaia-X verändert über AW 4.0 auch den Umgang mit Daten. So wird der Datensouveränität eine wesentlich größere Bedeutung zukommen. Wie Daten genutzt und geteilt werden können, werden die einzelnen Akteure künftig einfacher bestimmen und nachvollziehen können. Uns ist es wichtig, Anreize zu schaffen, um Daten zu teilen und so Innovation zu fördern.

  • Welche technischen und organisatorischen Voraussetzungen sollten die Autowerkstätten erfüllen, um die Vorteile der Autowerkstatt 4.0 zu nutzen?

In dem Vorprojekt wurde ein sehr leistungsfähiges Oszilloskop entwickelt, dessen Akzeptanz innerhalb der Werkstätten vorhanden und dessen Anwendung geläufig ist. Uns stehen derzeit rund 200 Diagnosegeräte zu Verfügung, die auf die Werkstätten verteilt werden, um eine valide Datenbasis zu erfassen, die auf einer Datenplattform zusammengefügt wird und die das Anlernen von KI-Modellen ermöglicht. Wir führen die Messungen bei vierzylindrigen Dieselfahrzeugen der Marken VW, Seat und Skoda durch. Die in der Werkstatt eingesetzten Diagnosesysteme verfügen über entsprechend erprobte User Interfaces und erlauben so zukünftig einen niederschwelligen Zugang zu KI-Technologie.

  • Wie genau soll die Zusammenarbeit der verschiedenen Partner auf der Plattform, in dem Ökosystem funktionieren – welche Rechte und Pflichten gibt es und wie werden die Erträge aufgeteilt?

Die offene AW 4.0 Plattform soll Co-Innovation zwischen den angeschlossenen Werkstätten, KI-Anbietern und Diagnosesystem Herstellern ermöglichen. Das heißt, dass Daten und Domain Know-How aus den Werkstätten von IT-Unternehmen und Start-ups genutzt werden können, um Diagnoseverfahren mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz zu verbessern. Die Einbindung der Diagnosesystemhersteller, die die Hardware Schnittstelle für die Werkstätten anbieten, ermöglicht die Nutzung der entwickelten Diagnose Verfahren in der Praxis. Entsprechende Geschäftsmodelle und Verwertungskonzepte für die Plattform werden auf Basis der Gaia-X Federation Services im Rahmen des Projektes erarbeitet und dann praxisnah erprobt.

  • Was ist der Mehrwert, der aus der Zusammenarbeit für die verschiedenen Partner auf der Plattform entsteht?

Der Mehrwert für Werkstätten und Kunden entsteht durch eine Bündelung und gemeinsame, nachhaltige Nutzung von unternehmensübergreifenden Daten. Von Wettbewerbslösungen unterscheidet sich Autowerkstatt 4.0 vor allem dadurch, dass erstmals auf einer großen Basis von Oszilloskop-Daten die Auswertung und automatisierte Verbesserung der Diagnose durch Machine-Learning-Verfahren ermöglicht wird.

Neben der genannten Unterstützung von Wartungsprozessen und dem Aspekt der nachhaltigen  Ressourcenschonung liegt der gesellschaftliche Mehrwert auch darin, einen fairen Wettbewerb zwischen freien und Vertragswerkstätten zu schaffen. Denn insgesamt entsteht ein intelligentes Diagnosesystem, welches gewonnene Erkenntnisse sicher und vertrauenswürdig über die beteiligten Werkstätten in die Breite trägt.

Und auch für Hersteller ist die ursächliche Fehlerdiagnostik von Bedeutung, um Fehler der nächsten Fahrzeuggeneration auszumerzen. Hochaufgelöste Daten aus dem laufenden Fahrzeugbetrieb gewinnen zu können, wird jede Entwicklungsabteilung eines Herstellers begeistern – schließlich lassen sich aus den Erkenntnissen zu Qualitätsmerkmalen neue Fahrzeuggenerationen gezielter entwickeln.

  • Inwiefern verändert der Wandel zur E-Mobilität die Anforderungen an die Diagnoseverfahren und die Kompetenzen der Mitarbeiter in den Autowerkstätten?  

Die Komplexität für Werkstätten und Servicemitarbeiter ist enorm gestiegen. Die Gründe: In Fahrzeugen verbaute Elektronik und Fahrassistenz-Systeme sowie die Entwicklung hin zur Hybridtechnologie und Elektromobilität erfordern eine ständige Weiterentwicklung und höhere Qualifikationsanforderungen von den Mitarbeitern. Werkstätten sind gefordert, kontinuierlich ihre Technologie nachzurüsten.

Ein KI-gestütztes Diagnosesystem wird als optische Hilfe, Kfz-Meister und Servicemitarbeiter:innen befähigen, schnelle und exakte Entscheidungen zu treffen. Das Diagnosegerät ersetzt also nicht den Mitarbeiter, sondern unterstützt ihn. Die Bedienung eines Oszilloskops wird bei zunehmender E-Mobilität unverzichtbar.

References

References
1 Ein Oszilloskop ist ein elektronisches Messgerät, das in seiner bevorzugten Anwendung für eine oder mehrere elektrische Spannungen deren zeitlichen Verlauf auf einem Bildschirm sichtbar macht. Das Oszilloskop stellt einen Verlaufsgraphen in einem zweidimensionalen Koordinatensystem dar, wobei üblicherweise die (horizontale) x-Achse die Zeitachse ist und die (vertikale) y-Achse die Spannungsachse. Das so entstehende Bild wird als Oszillogramm bezeichnet. Quelle: Wikipedia
2 Vgl. dazu: „Logische Diagnose“ mittels Oszilloskop
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