Vorläufer von Industrie 4.0 und der Smart Factory: Das Intelligente Unternehmen (James Brian Quinn)

Zu den Vorläufern von Industrie 4.0 und der Smart Factory zählt auch das Konzept des Intelligenten Unternehmens, das von dem US-amerikanischen Forscher James Brian Quinn 1992 in seinem Buch The Intelligent Enterprise vorgestellt wurde. Ein im Nachhinein betrachtet ebenso wegweisendes Buch wie die Die Fraktale Fabrik von Hans-Jürgen Warnecke.

Ausschlaggebend für den Erfolg einer Volkswirtschaft, so Quinn, seien künftig die Serviceindustrien und Servicetechnologien.

Beachten Sie, dass nicht nur die Informationstechnologien, sondern die in einem breiten Spektrum entwickelten Servicetechnologien die gesamte Struktur des US-amerikanischen und weltweiten Wettbewerbs verändert haben. Die Servicetechnologien haben nicht nur die US-Wirtschaft revolutioniert, sondern auch die aller anderen großen Industrieländer. Alle diese Länder konkurrieren nun zunehmend als Dienstleistungsökonomien. Und die Dienstleistungsindustrien werden zum Indikator, der die zukünftige internationale Wettbewerbsfähigkeit und den Lebensstandard aller Länder bestimmt.

Durch die Serviceorientierung werden die Grenzen zwischen den Branchen durchlässiger:

Am wichtigsten ist vielleicht, dass die weit verbreitete Durchdringung von Servicetechnologien die Grenzen aller Branchen praktisch aufgehoben hat. Das Beispiel der Finanzdienstleistungsbranche wird oft angeführt. Aber Fluggesellschaften konkurrieren nicht mehr nur mit Fluggesellschaften. Sie konkurrieren auch mit Reisebüros, Reisegruppen, Einzelhändlern, Finanzdienstleistern, Anbietern von Bodentransporten, Kommunikationsunternehmen und so weiter.

Quinn sprach von den neuen Economies of Scope (Verbundeffekten), die es den Serviceunternehmen, u.a. auf Basis der Daten, ermöglichen, ihre Angebotspalette auszuweiten:

Richtig installiert, ermöglichen dieselben Technologien, die neue Skaleneffekte schaffen – oder die unterstützenden Technologien, die zur Implementierung der Großtechnologien erforderlich sind – Dienstleistungsunternehmen, ein viel breiteres Spektrum an Daten, Ausgabefunktionen oder Kunden zu verarbeiten, ohne dass die Kosten signifikant steigen. Tatsächlich sinken bei richtigem Management die Stückkosten mit zunehmender Vielfalt und Flexibilität; und die größeren Unternehmen verteilen ihre Technologieentwicklungs- oder Ausrüstungskosten auf eine reichhaltigere Basis von Operationen.

Weitere Folge der Durchdringung der Wirtschaft durch Services ist die Disintermediation, die wiederum den Unternehmen in die Hände spielt, die große Verbundeffekte (Economies of Scope) umsetzen können:

Angesichts des großen Umfangs und der technologischen Macht der Innovatoren versuchen Außenstehende, sich direkt mit den Systemen der Innovatoren zu verbinden, anstatt den Umweg über Vermittler zu gehen. … Dies erhöht nicht nur die Effizienz der einzelnen Dienstleistungssysteme, sondern zwingt auch kleine Vermittler dazu, entweder hochspezialisierte Dienstleistungen zu entwickeln oder Vertreter der größeren Unternehmen zu werden. Infolge der Verbundvorteile, der zunehmenden Komplexität der Produkte und einer solchen Disintermediation kam es zu einer starken gegenseitigen Konkurrenz zwischen den Einheiten verschiedener Dienstleistungs- (oder Produkt-) Firmen und Branchen. Dies führte dann zu den bereits erwähnten umfangreichen Umstrukturierungen in bestehenden Industrien – und zur Zerstörung traditioneller Barrieren unter vielen anderen.

All das wird heute am Beispiel der Plattformökonomie deutlich, und hier vor allem im B2C-Sektor. Die großen digitalen Plattformen wie Apple, Google, Amazon und Alibaba können ihre Services branchenübergreifend anbieten bzw. ihre Erfahrungen, die sie aus ihren Daten ziehen können, auf andere Branchen übertragen. Beispielhaft dafür sind die Bestrebungen von Google und Apple beim Autonomen Fahren oder Mobilen Bezahlen. Über kurz oder lang werden Google & Co ihre Aktivitäten auf B2B ausdehnen. Das alte Pipeline-Modell hat ausgedient[1]Die volkswirtschaftliche Bedeutung von digitalen B2B-Plattformen im Verarbeitenden Gewerbe:

Die Plattformtechnologie bzw. die Plattformökonomie ändern das klassische Geschäftsmodell im Verarbeitenden Gewerbe radikal. Das Plattformgeschäft wird bestimmt von Netzwerkeffekten und offenen Innovationsprozessen. Bei der Vermarktung von digitalem Kapital gibt es keinen Verschleiß und keine begrenzten Kapazitäten, was zu zunehmenden Grenzerträgen führen kann. Auf Wettbewerbsseite führen die indirekten Netzwerkeffekte zu starken Abweichungen von der konventionellen Produkt- und PipelineLogik: Indirekte Netzwerkeffekte können beispielsweise bedeuten, dass es sich für Plattformbetreiber lohnt, einer Seite des Marktes Produkte und Dienstleistungen gratis oder gar zu negativen Preisen anzubieten, wenn dies dazu führt, dass so der Umsatz auf der anderen Seite des Marktes maximiert werden kann.

Was Quinn in den 1990er Jahre als die neuen Verbundeffekte bezeichnete,  wodurch die Branchengrenzen durchlässiger werden, macht heute als Marktkonvergenz die Runde. B2C und B2B-Plattformen gleichen sich an:

Zudem ist zu erwarten, dass auch B2C-Plattformen zunehmend in den B2B-Bereich vordringen und mit deutschen Industrieunternehmen in Konkurrenz treten. Alphabet dringt beispielsweise mit dem smarten Thermometer aus der Google Nest Familie in den Markt von Unternehmen wie Siemens. Mit dem Entwickler und Anbieter für Lösungen im Bereich des autonomen Fahrens, Waymo, tritt Alphabet zunehmend in Konkurrenz zu den deutschen Automobilherstellern. Waymo kooperiert mit Fiat Chrysler, Jaguar Land Rover und dem Fahrtenvermittler Lyft. Zudem beteiligt sich Google an Uber. Somit konkurriert Waymo bereits an mehreren Fronten mit der deutschen Automobilindustrie. Mit seinem LiDAR-Sensor, der zur Umgebungserfassung eingesetzt wird, ist Waymo zudem in direkte Konkurrenz zum deutschen Laser-Hersteller Sick getreten Der Trend zur Marktkonvergenz, der durch die Verbreitung von Plattformen potenziell ausgelöst wird, kann für das Verarbeitende Gewerbe weitreichende Folgen haben.

Noch immer tun sich deutsche Unternehmen schwer damit, die Produktfixierung zugunsten einer Serviceorientierung aufzugeben:

Vielen Verantwortlichen im Verarbeitenden Gewerbe fällt es immer noch schwer, sich von der traditionellen Produkt- und Produktionssicht zu lösen und zu versuchen, die Perspektive der verschiedenen Plattform-Stakeholder – insbesondere der Nutzer – zu verstehen.

Das Konzept des Intelligenten Unternehmens behält seine Gültigkeit. Die Serviceindustrie wird durch die Digitalen Plattformen wie Amazon repräsentiert. Sie haben das, was Quinn in zu Beginn der 1990er Jahre als Folge des verbreiteten Einsatz der Informationstechnologie beschrieb, in die Tat umgesetzt.

Im Jahr 2002 erließ Amazon-Gründer Jeff Bezos das sog. Bezos Mandate für die hauseigenen Entwickler[2]Have you had your Bezos moment? What you can learn from Amazon.

Daraus drei Punkte:

  • Alle Teams werden von nun an ihre Daten und Funktionen über Service-Schnittstellen offenlegen.
  • Es wird keine andere Form der Kommunikation zwischen den Prozessen erlaubt sein: keine direkte Verknüpfung, kein direktes Lesen des Datenspeichers eines anderen Teams, kein Shared-Memory-Modell, keine Hintertüren, was auch immer. Die einzige erlaubte Kommunikation ist der Aufruf von Service-Schnittstellen über das Netzwerk.
  • Alle Service-Schnittstellen müssen ausnahmslos von Grund auf so konzipiert sein, dass sie externalisierbar sind. Das heißt, das Team muss so planen und entwerfen, dass die Schnittstelle für Entwickler in der Außenwelt offengelegt werden kann. Keine Ausnahmen.

Diese Prinzipien in der Industrie umzusetzen, wird viel Zeit brauchen. Industrie 4.0 und Smart Factory ohne ausgeprägte Serviceorientierung werden nicht funktionieren.

Zuerst erschienen auf Identity Economy

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