Deutsche Wirtschaft dank Hyperscaler innovativer?

Von Ralf Keuper

Erst vor wenigen Tagen wurde eine Studie von iwConsult, einer Tochtergesellschaft des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), veröffentlicht, in der die Vorzüge von AWS für die deutsche Wirtschaft hervorgehoben wurden[1]AWS Impact Studie Deutschland: Die Bedeutung von AWS für die deutsche Wirtschaft. In der Befragung von 1504 Unternehmen wurden die Effekte von Cloud-Technologie für die deutsche Wirtschaft im Allgemeinen und der Einfluss von AWS im Besonderen untersucht.

Fast könnte man nach der Lektüre zu dem Schluss gelangen, dass die deutsche Wirtschaft ohne die Cloudlösungen der Hyperscaler, und hier insbesondere ohne die von AWS, weder innovativ noch wettbewerbsfähig ist. Die Studie wurde im Auftrag von AWS durchgeführt, weshalb das positive Fazit nicht wirklich überraschend ist.

Da stellt sich die grundsätzliche Frage, ob die Abhängigkeit ganzer Wirtschaftszweige von den Lösungen weniger Anbieter (Oligopol) für den Wettbewerb tatsächlich so von Vorteil ist. Das alles unter der Voraussetzung, dass der Zusammenhang, der in der Studie zwischen Cloudnutzung und Innovationen hergestellt wird (“AWS macht deutsche Unternehmen innovativer”), tatsächlich bzw. in dieser Ausprägung – noch dazu bei der überschaubaren Grundmenge – zutrifft[2]Bestenfalls haben wir es hier mit einer Korrelation und keiner Kausalbeziehung zu tun. Wenn die überwiegende Mehrheit der Unternehmen die gleichen Cloudlösungen nutzt, die für ihre Innovationsfähigkeit so wichtig zu sein scheinen, wie können sie sich dann noch voneinander abheben? Ließe sich ein größerer oder gleicher Effekt nicht auch mit anderen Lösungen, deren Nutzung nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis einzelner (mittelständischer) Unternehmen oder gar ganzer Branchen mit Hyperscalern wie AWS mündet, erzielen? Wäre das mit Blick auf die große Bedeutung mittelständischer Unternehmen in Deutschland und unter Berücksichtigung der Resilienz und Diversität nicht sogar wünschenswert? Weiterhin: Was geschieht, wenn die Cloudlösungen ausfallen – dann hätten wir ein echtes Systemrisiko.

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Bank for International Settlement (BIS) in Big tech interdependencies – a key policy blind spot. Die Finanzinstitute sind in hohem Maße auf die Technologiedienstleistungen der großen Technologieunternehmen angewiesen. Dies gilt insbesondere für die Bereiche Cloud Computing und Datenanalyse. Aufgrund der vergleichsweise geringeren Investitionen der führenden Finanzinstitute in neue Technologien wird die Abhängigkeit des Finanzsystems von einigen wenigen kritischen Dienstleistern in Zukunft wahrscheinlich zunehmen. Diese Abhängigkeit von einer kleinen Zahl kritischer Technologieanbieter verschärft die operationellen und Konzentrationsrisiken, die entstehen können, wenn es bei diesen Anbietern zu erheblichen Störungen kommt, so das Resümee von BIS.

Die Studie von iwConsult hat – unfreiwillig – wichtige Aufklärungsarbeit geleistet. Sie verdeutlicht, sofern ihre Aussagen die Realität widerspiegeln, wie groß die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft in wichtigen Teilen der Wertschöpfung bereits geworden ist.

Oligopole wie das der Hyperscaler führen in der Regel zu weniger Wettbewerb und Innovation[3]Vgl. dazu: Investigation of Competition in Digital Markets[4]Vgl. dazu: Cloud Infrastructure Services: An analysis of potentially anti-competitive practices. Kaum vorstellbar, dass es diesmal anders ist. Ganz abgesehen von den Konzentrations- und Sicherheitsrisiken.

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