B2B Data Sharing ökonomisch und rechtlich betrachtet #1

Von Ralf Keuper

Der unternehmensübergreifende Datenaustausch wird kaum an technischen Fragestellungen scheitern. Eher sind es ökonomische und rechtliche Überlegungen der beteiligten Unternehmen, die den Ausschlag dafür geben, ob sie bereit sind, Daten mit Dritten zu tauschen.

Dieser Problemstellung widmen sich die Autoren des Working Papers Business-to-Business data sharing: An economic and legal analysis.

Zunächst sei es wichtig, die Bedingungen auf dem Primärdatenmarkt, d.h. den Markt für die Erhebung von Daten, in den Blick zu nehmen und sich im Anschluss dem Sekundärmarkt für die Weiterverwendung von Daten und auf den Märkten für datengesteuerte Dienstleistungen zuzuwenden. Umgekehrt wirken sich die Bedingungen der Weiterverwendung auf die Funktionsweise des primären Datenerhebungsmarktes aus. Die Weiterverwendung von Daten auf dem sekundären Markt für Unternehmensdaten oder auf dem Business-to-Business
(B2B)-Markt kann daher nicht losgelöst vom Primärmarkt betrachtet werden. Werden auf dem Primärmarkt nur wenig Daten zur Verfügung gestellt, wird die Nachfrage auf dem Sekundärmarkt entsprechend gering sein. Ist die Nachfrage auf dem Sekundärmarkt nach bestimmten Primärdaten besonders groß, dürfte die Bereitschaft steigen, sie zur Verfügung zu stellen.

Die Bereitschaft zum Datenaustausch hängt daher im hohen Maß von den ökonomischen Interessen der beteiligten Unternehmen ab, was jetzt nicht wirklich verwunderlich ist. Dennoch sind konkrete Beispiele immer wieder aufschlussreich.

So werden Automobilhersteller nur ungern Wartungsdaten von Fahrzeugen mit unabhängigen Wartungsdienstleistern austauschen, die in Konkurrenz zu ihrem eigenen Netz von Vertragshändlern stehen. Ein weiteres Beispiel sind Daten, die von Taxi- und ÖPNV-Dienstleistern gesammelt werden, um ihre Nutzerdienste zu verwalten. Wenn Mobilitätsdienstleister wie E-Scooter- und Ride-Hailing-Apps darauf zugreifen könnten, wären sie in der Lage, die Informationen für ihre eigenen Strategien zu verwenden, die darauf abzielen, die Zahl der Kunden und die Einnahmen der ursprünglichen Datensammler zu verringern.

Anders verhält es sich, wenn die beiden Partner in keinem direkten Konkurrenzverhältnis stehen und sich ihre Dienstleistungen und/oder Produkte ergänzen, wie im Fall von Autoversicherungen und Navigationsdiensten, die den Autoverkauf ergänzen. Für die Autohersteller besteht ein Anreiz zur Nutzung Daten, um die Qualität der Aftermarket-Dienstleistungen zu verbessern. Die Versicherer bekommen Zugang zu neuen Kunden, ebenso wie die Anbieter von Navigationsdiensten.

Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass private Unternehmen und Märkte oft in der Lage sind, die Koordinationsprobleme zu überwinden, um Verbundvorteile bei der Datenaggregation zu erzielen, manchmal mithilfe eines dritten Vermittlers. Automobilhersteller haben nur Zugang zu Navigationsdaten von Fahrzeugen ihrer eigenen Marke, nicht jedoch von anderen Marken, was die Erstellung genauer Staukarten erschwert. Daher haben mehrere Hersteller beschlossen, zusammenzuarbeiten, um die Navigationsdaten von Fahrzeugen in einem gemeinsamen Navigationsdienst HERE gemeinsam zu nutzen und dadurch die Qualität der Navigationsdienste zu verbessern.

Auch asymmetrische Marktmacht und Kostenstrukturen können zu einer stärkeren gemeinsamen Nutzung von Daten führen. Ein dominanter Datenakteur kann einen Anteil an dem zusätzlichen Wert anbieten, der durch Verbundvorteile aus der Kombination von zwei oder mehreren Datensätzen entsteht, der den Wert übersteigt, den ein kleiner Akteur mit seinem eigenen Datensatz erzielen kann. Allerdings kann die Verteilung des Mehrwerts zwischen dem marktbeherrschenden und dem kleineren Akteur sehr ungleich sein. Eine andere Lösung ist die Einführung eines dritten Vermittlers, der die Durchsetzung der zwischen den Verhandlungspartnern vereinbarten Verpflichtungen sicherstellt, um das Gefangenendilemma zu überwinden.

Dennoch kann es Situationen geben, die ein staatliches Eingreifen rechtfertigen könnten, um den Datenzugang und die Zusammenführung von Daten zu erleichtern und so die wohlfahrtssteigernden Vorteile von Verbundvorteilen bei der Datenaggregation zu erzielen. Einige werden gewinnen und andere werden verlieren, um den Gesamtgewinn zu ermöglichen.

Verbundvorteile bei der Datenaggregation können mehrdeutige wirtschaftliche
Auswirkungen haben. Sie können eine wettbewerbsfeindliche Kraft in der Datenwirtschaft sein, wenn es zu Absprachen über den Austausch kommerziell sensibler Informationen zwischen Wettbewerbern kommt. Sie kann zum Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung führen, wenn der aggregierte Datensatz zur wettbewerbswidrigen Ausnutzung der Marktmacht zum Nachteil der Aggregatoren auf den nachgelagerten Dienstleistungsmärkten führt. Andererseits können Verbundvorteile der Datenaggregation Produktivitäts- und Sozialwohlfahrtsgewinne sowie Innovationsvorteile für die Gesellschaft bringen. Zum Beispiel kann die Zusammenführung detaillierter medizinischer Daten von vielen Patienten und Gesundheitsdienstleistern die Produktivität der medizinischen Forschung steigern und letztlich der Gesellschaft als Ganzes zugutekommen. Allerdings kann es auch negative Effekte geben, wenn die Ergebnisse zu einer Diskriminierung einzelner Personen oder Bevölkerungsgruppen führt. Die Ergebnisse sind möglicherweise nicht für alle Akteure wohlfahrtssteigernd.

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1 Antwort zu B2B Data Sharing ökonomisch und rechtlich betrachtet #1

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