Gaia-X: Zu viele Köche verderben den Brei

Von Ralf Keuper

An Gaia-X lässt sich momentan gut beobachten, dass Gemeinschaftsprojekte auch dann scheitern können, wenn sie von den mächtigsten Ländern der EU unterstützt werden. Nach Berichten von POLITICO[1]Inside Gaia-X: How chaos and infighting are killing Europe’s grand cloud project droht Gaia-X an internen Streitigkeiten zwischen den Unternehmensmitgliedern über die allgemeinen Ziele sowie an einer aufgeblähten bürokratischen Struktur, die Entscheidungen verzögert, zu scheitern. Nach Aussage eines Vertreters der Industrie, der eng in die Arbeit von Gaia-X involviert ist, versinkt Gaia-X im Chaos. Beispielhaft für die Dysfunktionalität sei der erfolgreiche Versuch eines französischen Vorstandsmitglieds, dem Geschäftsführer die Kontrolle über eine Schlüsselfunktion von Gaia-X – die Kommunikation mit Regierungen – zu entreißen, sowie die lange Verzögerung bei der Vereinbarung von Grundregeln für die Datenspeicherung aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Projektmitgliedern über die Grundregeln.

Kritiker bemängeln überdies, dass die Allianz ihren Fokus verloren habe. So würden regelmäßig Fristen für wichtige Aktualisierungen verschoben und neue Gruppen ins Leben gerufen, die viele für überflüssig halten. “Es gibt zu viele Köche in der Küche“, so Frank Karlitschek, deutscher Unternehmer und Gründer von NextCloud, einem Gaia-X-Mitglied. Der CEO von Gaia-X, Francesco Bonfiglio, räumt ein, dass die interne Organisation von Gaia-X möglicherweise nicht dafür ausgelegt ist, ein solches Wachstum zu bewältigen.

Ebenfalls für Kritik sorgte die Entscheidung, außereuropäische Firmen wie Microsoft, Google, Amazon, Palantir, Huawei und Alibaba als Vollmitglieder aufzunehmen.  Diese seien nach wie vor stark in die Arbeit der Gruppe involviert, wenn es um entscheidende Fragen geht, wie z. B. die Frage, wie Anbieter es Nutzern ermöglichen sollten, ihre Daten zu einem konkurrierenden Dienst zu übertragen. Zwar gebe es Grenzen für amerikanische Unternehmen in Bezug auf Stimmrechte und die Vereinigung, aber das seien nur Kleinigkeiten, da sie immer noch Teil der Arbeitsgruppen sind, so Karlitschek von NextCloud. Hinzu komme, dass Verbände wie Digital Europe, CISPE und Bitkom die Interessen einflussreicher Mitglieder wie US-Giganten wie Amazon, Google und Microsoft vertreten, was ihnen ermöglicht, die Entscheidungsfindung der Gruppe zu beeinflussen. Insidern zufolge habe vor allem Microsoft die Arbeit der technischen Ausschüsse sehr aktiv gesteuert. Ein weiteres Problem seien die engen kommerziellen Beziehungen zwischen den europäischen Telekommunikationsriesen und den amerikanischen Cloud-Anbietern, die ein Beleg dafür seien, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich es sei, eine technologische “Souveränität” in diesem Sektor zu erreichen. So hat Google kürzlich Partnerschaften mit dem französischen Telekommunikationsunternehmen Orange und dem Verteidigungsunternehmen Thales sowie der Deutschen Telekom in Deutschland angekündigt. Orange kündigte außerdem Cloud-Dienste in Partnerschaft mit Microsoft und Capgemini, einem französischen Dienstleistungsunternehmen, an.

Angesichts dessen hat eine Gruppe europäischer Software- und Hardware-Firmen im Juli eine Vereinigung namens Euclidia gegründet mit dem Ziel, Europa zu einem weltweit führenden Unternehmen zu machen, ohne den amerikanischen oder asiatischen Modellen zu folgen”. Zur Gruppe gehören Nextcloud, Scaleway und andere, die mit den Fortschritten von Gaia-X unzufrieden waren.

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1 Antwort zu Gaia-X: Zu viele Köche verderben den Brei

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